Nerven

Was sind die diabetischen Nervenerkrankungen?

Die diabetischen Nervenschäden, auch diabetische Neuropathien genannt, gehören neben den Veränderungen an Blutgefäßen, Nieren und Augen zu den häufigsten Folgeerkrankungen eines Diabetes mellitus. Diese Nervenschäden entwickeln sich im Durchschnitt bei mehr als jedem dritten Menschen mit Diabetes und verursachen vielfältige, zum Teil sehr unangenehme und schwerwiegende Beschwerden.

Eine jahrelang bestehende unzureichende Diabetes-Einstellung erhöht das Risiko für das Auftreten diabetischer Neuropathien. Die Nervenschäden beginnen nicht erst dann, wenn die ersten Beschwerden verspürt werden, sondern sie beginnen bereits unbemerkt in frühen Stadien der Diabetes-Erkrankung. Durch gründliche ärztliche Untersuchungen können möglicherweise aber schon Schäden erfasst werden. Eine adäquate und konsequente Diabetes-Einstellung beugt der Entwicklung der diabetischen Neuropathien vor. Gleichzeitig ist eine richtige Diabetes-Einstellung auch Grundlage der Behandlung diabetischer Neuropathien. Wird ein Diabetes neu erkannt und der Blutzuckerspiegel zügig gesenkt, kann es auch zu einer vorübergehenden akuten Neuropathie kommen, die sich durch Missempfindungen bemerkbar macht, in der Regel aber wieder abklingt.

Wie lassen sich diabetische Nervenschäden einteilen?

Da alle unsere Organsysteme von Nerven gesteuert werden, können Neuropathien die unterschiedlichsten Systeme betreffen. Allgemein unterscheidet man zwei Kategorien:

  1. Erkrankungen des bewussten Nervensystems (periphere Neuropathie)
  2. Erkrankungen des unbewussten Nervensystems (autonome Neuropathie)

Wie zeigen sich Schäden des bewussten Nervensystems (periphere Neuropathie) bei Diabetes?

Hierbei handelt es sich um eine Schädigung der Nerven bevorzugt im Bereich der Füße und Beine, seltener auch der Hände und Arme. Die Nerven verbinden, wie elektrische Kabel, unser Gehirn mit Muskeln, Sensoren in der Haut und vielem mehr. Das Gehirn sendet so Befehle an Muskeln, wenn wir uns bewegen wollen und empfängt Signale, wenn wir etwas berühren.

Schäden an diesem System werden oft nicht bemerkt bzw. erst dann, wenn die Schäden ausgeprägter sind. Man spricht von einer „Negativsymptomatik“, wenn die Funktion abnimmt: Berührungen, Temperaturunterschiede, Schmerzreize werden schleichend immer weniger gespürt.

Von einer „Positivsymptomatik“ spricht man hingegen, wenn Empfindungen wahrgenommen werden, die nicht vorhanden sein sollten: Dies können Taubheitsgefühle, Kribbeln oder auch vielerlei Schmerzempfindungen sein (brennend, reißend, stechend oder dumpf und bohrend). Diese Missempfindungen treten oft in Ruhe abends bzw. nachts auf und bessern sich durch Bewegung. Wadenkrämpfe, Muskelschwäche und Gangunsicherheit können ebenfalls, aber nicht nur durch diabetische Nervenschäden bedingt sein. Diese abgeschwächten oder aber falschen Empfindungen treten in der Regel beidseitig auf und beginnen bevorzugt an den vom Oberkörper aus entferntesten Stellen (Zehen, Füße, Finger). Diese Art der diabetischen Nervenschäden wird als distale symmetrische Neuropathie bezeichnet und ist die am häufigsten anzutreffende Form.

Von besonderer Bedeutung ist, dass es infolge abgeschwächter oder fehlender Gefühlsempfindung für Druck, Berührung, Schmerz und Temperatur im Bereich der Füße zu Druckstellen mit Ausbildung eines Geschwürs (Ulkus), starker Hornhautbildung und zu unbemerkten Verletzungen oder Verbrennungen kommen kann.
Verstärkt trockene Haut und herabgesetzte oder fehlende Schweißbildung führen zu kleinen Rissen, die als Eintrittspforten für Keime fungieren und somit zu Haut- und sogar Sehnen- oder Knocheninfektionen dienen können. Diabetische Fußgeschwüre können insbesondere bei zu später oder unsachgemäßer Behandlung soweit fortschreiten, dass eine Amputation notwendig wird.

Es gibt aber auch andere diabetische Neuropathien, die nur bestimmte Körperteile betreffen. Diese können zu Schmerzen und Muskelschwäche bis hin zur Lähmung einzelner Muskeln oder Muskelgruppen im Bein-, Schulter-, Bauch-, Rücken-, und Brustbereich führen. Auch Hirnnerven können betroffen sein, wie insbesondere der die Augenmuskeln versorgende Nerv, dessen Schädigung das Sehen von Doppelbildern sowie Fehlstellungen der Lider und des Augapfels zur Folge haben kann.

Wird ein Diabetes erkannt und daraufhin der Blutzuckerspiegel mit Tabletten, Insulin oder einer plötzlichen Ernährungsumstellung sehr zügig gesenkt, kann es ebenfalls zu Neuropathie-Beschwerden wie Kribbeln oder Schmerzen kommen. Dies kann eine akute Neuropathie sein (TIND: Treatment-induced Neuropathy in Diabetes), die sich auch wieder zurückbilden kann und für die es symptomatische Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Welche Folgen haben Schäden des unbewussten Nervensystems (autonome Neuropathie)?

Die autonome Neuropathie kann nahezu jedes Organsystem befallen, was die Vielzahl der Möglichen Erscheinungsbilder erklärt. Glücklicherweise treten ausgeprägte Beschwerden bei diesen Erkrankungen relativ selten und in der Regel erst nach langer Diabetesdauer auf. Eine Übersicht der wichtigsten Beschwerden an den verschiedenen Organen zeigt die folgende Tabelle. Die Beschwerden sind allerdings oft unspezifisch und können auch viele andere Ursachen haben.

Organ bzw. Organsystem Typisches Beschwerdebild
Herz-Kreislauf-System Erhöhter Herzschlag in Ruhe
Schwindel durch Blutdruckabfall beim Aufstehen
Verdauungssystem Völlegefühl, Übelkeit, Verstopfung oder Durchfälle
Harnwege und Geschlechtsorgane Blasenüberfüllung, zu spät einsetzender Harndrang, schwache Blasenentleerung

sexuelle Funktionsstörungen bei beiden Geschlechtern

Hormonhaushalt Verminderte oder fehlende Wahrnehmung der Unterzuckerung durch fehlende Gegenregulation
Auge Gestörte Pupillenreflexe (Anpassung an hell/dunkel, nah/fern)
Schweißdrüsen Trockene, rissige Haut, vermehrtes Schwitzen während der Mahlzeiten

Viele der genannten Symptome können auch bei anderen Erkrankungen der betroffenen Organe auftreten, die der Arzt ausschließen muss. Die Veränderungen am unbewussten Nervensystem entwickeln sich langsam und schleichend. Durch den Einsatz neuer Untersuchungsmethoden ist es heute besser möglich, Funktionsstörungen noch vor der Ausbildung von Beschwerden zu erfassen.

Dies ist vor allem bei einer beeinträchtigten Steuerung des Herz-Kreislaufsystem wichtig, da Menschen mit Diabetes mit solchen nachgewiesenen Veränderungen beispielsweise ein erhöhtes Risiko tragen, stumme (=nicht bemerkte) Herzinfarkte zu erleiden oder während einer Operation die Narkose schlecht zu vertragen. Gleichzeitig ist bei Menschen mit diabetischer autonomer Neuropathie das Risiko für ein Schlafapnoe-Syndrom und nächtlich erhöhten Blutdruck höher.

Leider ist auch die Lebenserwartung der Patienten mit erheblichen Beschwerden im Rahmen der autonomen Nervenerkrankung etwa um das Fünffache herabgesetzt. Umso wichtiger ist die Früherkennung, um rechtzeitig ein weiteres Fortschreiten zu verhindern.

Wie werden diabetische Nervenschäden nachgewiesen?

Die Überprüfung auf diabetische Nervenschäden gehört zur Routine-Untersuchung beim behandelnden Arzt. Wenn Sie bereits Beschwerden spüren, die auf Nervenschäden hinweisen, sollten Sie diese beim Arztbesuch schildern (was, wann, seit wann, wie, wo), damit der Arzt einordnen kann, ob Diabetes als Ursache wahrscheinlich ist. Wenn ein Diabetes vorliegt, sollte mindestens einmal im Jahr sollte ein Arzt kontrollieren, ob Zeichen für diabetische Nervenschäden vorliegen! Periphere Nervenschäden (z.B. an den Füßen) lassen sich zum Glück recht einfach feststellen, zum Beispiel mit Tests, ob Berührungen gespürt oder richtig erkannt werden (beispielsweise mit einer vibrierenden Stimmgabel).

Weitergehende Tests, die aber in der Regel nicht beim Hausarzt oder Diabetologen, sondern eher bei auf Neuropathie spezialisierten Ärzten oder Neurologen angeboten werden, sind die Messung der Nervenleitgeschwindigkeiten oder die Anzahl der Nervenfasern in einer kleinen Haut-Gewebeprobe in der Nähe des Knöchels.

Für die Untersuchung des unbewussten Nervensystems am Herzen wird ein EKG durchgeführt. Dieses kann in Ruhe, unter tiefer Einatmung oder bei Lagewechseln geschehen sowie in Verbindung mit Blutdruckmessungen. Dadurch kann festgestellt werden, ob das Herz bei diesen Einflüssen adäquat gesteuert wird. Hierbei spricht man von „Herzfrequenzvariabilität“. Auch Medikamente können einen Einfluss auf die Herzfrequenzvariabilität haben. Daher sollte sich der Arzt einen Überblick über alle eventuell vorhandene Blutdruck-Medikamente oder auch Psychopharmaka verschaffen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Oft nehmen von diabetischer Neuropathie betroffene Menschen von einem Arzt-Patientengespräch das Gefühl „das ist Neuropathie, da kann man sowieso nichts machen“ mit nachhause. Wir hingegen möchten Ihnen mit diesem Artikel zeigen, dass, auch wenn an ursächlichen Behandlungen nach wie vor geforscht wird, dennoch oftmals die Möglichkeit besteht, neuropathische Beschwerden zu vermeiden oder zu lindern.

Die wichtigste Maßnahme gegen diabetische Nervenerkrankungen besteht darin, vorzubeugen. Je früher ein Diabetes erkannt wird und dann eine langfristige, gute Einstellung der Blutzuckerspiegel gelingt, umso größer ist die Chance, dass man von Komplikationen verschont bleibt. Gleichzeitig gilt es, beeinflussbare Risikofaktoren zu reduzieren (Rauchen, alkoholische Getränke, Bewegungsmangel).

Die Therapie bei peripheren diabetischen Nervenschäden zielt in erster Linie darauf, Beschwerden (Missempfindungen) zu lindern und somit die Lebensqualität zu verbessern. Es geht also nicht nur um die Missempfindung wie Kribbeln oder Stiche selbst, sondern um die Folgen. Um es in einem Beispiel zu verdeutlichen: Eine durch Missempfindungen bedingte Schlaflosigkeit kann viele negative Konsequenzen für den Alltag haben. Im ungünstigen Fall könnte sie sogar Einfluss auf das Sozialleben oder die Bewältigung des Alltags nehmen, was wiederum Bewegungsarmut und depressive Gefühle auslösen oder verstärken kann, die wiederum die Missempfindungen wie in einem Teufelskreis noch verschlimmern.

Es ist also wichtig, ein möglicherweise schleichend beginnendes Symptom nicht zu ignorieren, bis der Leidensdruck zu groß ist, sondern rechtzeitig auf Ursachensuche zu gehen und über Behandlungsmöglichkeiten zu sprechen. Es gibt medikamentöse Optionen, die Symptome zu lindern. Dies muss aber mit einem Arzt besprochen werden, der Ihren körperlichen Zustand und eventuelle Begleiterkrankungen richtig einschätzen kann. Wichtig an dieser Stelle: Übliche Schmerzmittel gegen Kopf-, Gelenk- oder Magenschmerzen (Aspirin, Ibuprofen etc.) sind NICHT geeignet. Geeignete Medikamente können z.B. aus dem Kreis der auf das Nervensystem wirkenden Stoffe sein, die auch bei manchen neurologischen Erkrankungen eingesetzt werden. Wird ein solches Medikament, wie bspw. Duloxetin, getestet, so ist es wichtig, die Dosis langsam bis zum Einsetzen der Wirkung steigern (lassen Sie rechtzeitig kontrollieren, ob die aktuelle Dosis ausreichend ist) und ansonsten, wenn keine Linderung einsetzt oder Nebenwirkungen schlecht vertragen werden sollten, das Medikament auch wieder abzusetzen.

Wird keine Tabletteneinnahme gewünscht oder wird nach ergänzenden Maßnahmen gesucht, so können zur Beschwerdelinderung noch Methoden ausprobiert werden. Zum Beispiel gibt es Geräte, die durch elektrische Stimulation die Beschwerden lindern sollen (TENS: Transkutane elektrische Nervenstimulation) oder Pflaster für schmerzhafte Areale mit dem für die Schärfe in Chilis verantwortlichen Wirkstoff Capsaicin. Auch an dieser Stelle sei auf die Wichtigkeit des Erhalts der körperlichen Bewegung und Bewegungsfähigkeit hingewiesen. Es ist also auf eine ausreichende körperliche Bewegung zu achten.

Bei Patienten mit Muskelschwäche, Bewegungsstörungen oder Lähmungen hilft eine regelmäßige krankengymnastische Betreuung. Bei Schäden des unbewussten Nervensystems (autonome Neuropathie) können die auf das entsprechende Organsystem wirkende Medikamente helfen (zum Beispiel bestimmte Kreislaufmedikamente bei einer Neuropathie des Herz-Kreislauf-Systems).

 

Quellen:
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Nationale Versorgungsleitlinie Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter, Version 5

Ziegler D. Kardiovaskuläre autonome diabetische Neuropathie. Diabetologie 2017; 12:28-42

Gibbons CH et al. Treatment-induced neuropathy of diabetes. Brain 2015; 138 (1) 43-52

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Klinische Studien