Meldungen zur Therapie

„Künstliche Bauchspeicheldrüse“ verbessert Blutzuckerkontrolle im Alltag

In einer 3-monatigen Studie erreichten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit
Typ-1-Diabetes, die unter Alltagsbedingungen mit einem sogenannten Hybrid-Closed-Loop-System (“künstliche Bauchspeicheldrüse”) therapiert wurden, eine bessere Kontrolle ihres Blutzuckerspiegels als Patientinnen und Patienten, die eine sensorgestützte Insulinpumpe nutzten.

Seit vielen Jahrzehnten versuchen Diabetologinnen und Diabetologen Systeme für Menschen mit Typ-1-Diabetes zu entwickeln, die die Bauchspeicheldrüse ersetzen. Diese Systeme sollen den Blutzuckerspiegel der Betroffenen im optimalen Bereich von 70-180 mg/dl (3,9-10 mmol/l) halten. Jetzt hat sich ein solches „künstliches Pankreas“-System im Alltag bewährt, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Großbritannien und den USA in der Fachzeitschrift The Lancet berichten.

In der zufallsverteilten (randomisierten) Studie verbesserte der 12-wöchige Einsatz dieses Hybrid-Closed-Loop-Systems über Tag und in der Nacht die Blutzuckerkontrolle und minderte das Risiko von Unterzuckerungen (Hypoglykämien), sowohl bei Erwachsenen, als auch bei Kindern und Jugendlichen, deren Blutzucker bislang nicht optimal eingestellt war.

Erprobung unter realen Bedingungen

An Zentren in Großbritannien und in den USA haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insgesamt 86 Betroffene mit Typ-1-Diabetes und einer suboptimalen Blutzuckereinstellung in 4 Altersgruppen (6-12 Jahre, 13-21 Jahre, 22-39 Jahre und ab 40 Jahre) eingeteilt und in 2 Gruppen zufallsverteilt: 46 Teilnehmende wurden mit einem Closed-Loop-System, 40 mit einer sensorgestützten Insulinpumpe ausgestattet. Nach einer 4-wöchigen Eingewöhnungsphase zum Erlernen des Umgangs mit den neuen Geräten, nutzen sie das jeweilige System 12 Wochen lang zu Hause. Danach wurde die Auswirkung der beiden Therapien auf die Blutzuckerkontrolle verglichen. Zu Studienbeginn lag der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c-Wert) der Teilnehmenden bei 7,5-10 % (58,47-85,79 mmol/mol).

Algorithmus berechnet Insulinmenge

Die Teilnehmenden in beiden Gruppen benutzten eine Insulinpumpe, einen Blutzuckersensor und ein Blutzuckermessgerät. Der Unterschied: Zu dem Hybrid-Closed-Loop-System gehörte außerdem ein Smartphone, auf dem ein spezieller von den Diabetes-Spezialistinnen und -Spezialisten entwickelter Algorithmus zur Berechnung der Insulinrate installiert war. Alle 10 Minuten gab die Pumpe die durch diesen Algorithmus kalkulierte Insulinmenge ab. Manuell musste nur noch der Insulinbedarf zu Mahlzeiten in das System eingegeben werden. Während der 3-monatigen Studienphase lebten die Teilnehmenden ihren gewohnten Alltag und mussten keinerlei Vorgaben hinsichtlich Ernährung oder körperlicher Aktivität beachten. Anders als in vorherigen Erprobungsstudien eines „künstlichen Pankreas“ wurden sie in dieser Untersuchung nicht fernüberwacht.

Zeit im Blutzuckerzielbereich steigt um 11 % an

Insgesamt stieg die im Blutzuckerzielbereich verbrachte Zeit mit dem Closed-Loop-System (Zeitanteil im Zielbereich: 65 %) im Vergleich zur Kontrollgruppe mit der sensorgestützten Insulinpumpe (Zeitanteil im Zielbereich: 54 %) um fast 11 %. Nach der 12-wöchigen Beobachtungszeit betrug der Blutzucker-Langzeitwert bei Betroffenen, die mit der „künstlichen Bauchspeicheldrüse“ ausgestattet wurden, nur noch durchschnittlich 7,4 %, bei der Kontrollgruppe 7,7 %. Ein weiterer Erfolg: Das Closed-Loop-System konnte Unterzuckerungen ebenso wie starke Blutzuckeranstiege (Hyperglykämien) reduzieren. Schwere Unterzuckerungen traten in keiner der beiden Gruppen auf. Die Insulindosis konnte durch das „künstliche Pankreas“-System nicht reduziert werden.

Fazit: Wichtiger Schritt zur Routinenutzung

Die Studie hat erstmals gezeigt, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes mit einem „künstlichen Pankreas“ 3 Monate lang ohne Überwachung zu Hause leben können. Das geschlossene System mit der Algorithmus-gesteuerten Insulinabgabe konnte die Blutzuckerkontrolle deutlich verbessern und das Risiko von Unterzuckerungen mindern. Das spreche für eine breite Nutzung dieser Therapiemöglichkeit bei Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes, schreiben die Autorinnen und Autoren.

 

Quelle:
Tauschmann M et al. Closed-loop insulin delivery in suboptimally controlled type 1 diabetes: a multicentre, 12-week randomised trial. Lancet 2018 (online)

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Klinische Studien