Notfälle

Unterzuckerung (Hypoglykämie)

Die Unterzuckerung (Hypoglykämie) ist die häufigste Komplikation bei der Behandlung eines Diabetes mit Insulin und blutzuckersenkenden Tabletten (z. B. Sulfonylharnstoffpräparaten, Gliniden, Glitazonen). Sie tritt auf, wenn die Menge von Insulin bzw. antidiabetischen Tabletten nicht mit der verfügbaren Kohlenhydratmenge zusammen passt, z. B. in folgenden Situationen:

  • falsche Einschätzung der verzehrten Kohlenhydratmenge
  • zu langer Abstand zwischen Spritzen und Essen
  • nach körperlicher Bewegung / Sport – es werden weniger Tabletten bzw. Insulin benötigt
  • nach Alkoholkonsum – Alkohol vermindert die Ausschüttung von Zucker (Glukose) aus der Leber
  • während Magen-Darm-Erkrankungen mit Erbrechen und/oder Durchfall
  • durch Wechselwirkungen von Medikamenten

Im Durchschnitt ist jeder Mensch mit Diabetes 1-2-mal monatlich von einer leichten Unterzuckerung betroffen. Das Auftreten variiert mit der Intensität und Art der Diabetes-Therapie.
Eine schwere Unterzuckerung erleiden etwa 10 % der Menschen mit Diabetes mit konventioneller Insulintherapie und etwa 26 % der Patientinnen und Patienten mit intensivierter Insulintherapie.
Unbehandelt können Unterzuckerungen lebensbedrohlich werden!

Anzeichen können variieren

Die Symptome einer Unterzuckerung sind unterschiedlich. Es kommt meist zu 2-3 der folgenden Anzeichen:

  • Kribbeln und Taubheitsgefühl in Fingern, Beinen und Lippen
  • Muskelschwäche / weiche Knie
  • Schweißausbrüche / kalter Schweiß
  • Zittern
  • Herzrasen
  • Atem- und Kreislaufstörungen
  • Heißhunger
  • Übelkeit
  • Blässe
  • Müdigkeit
  • Innere Unruhe
  • Verwirrtheit
  • Verständnisschwierigkeiten
  • Albträume / Schlafstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Sprachstörungen
  • Sehstörungen
  • Lähmungen
  • Krampfanfälle
  • Bewusstlosigkeit

Man unterscheidet schwere und leichte Unterzuckerungen. Für Menschen ohne Diabetes besteht folgende Definition: Zeigen die Betroffenen keine Symptome, liegt eine Unterzuckerung ab einem Blutzuckerwert (Blutglukosewert) im Kapillarblut von weniger als 40 mg/dl vor. Haben sie bereits Symptome, spricht man bereits ab einem Blutzuckerwert zwischen 40-50 mg/dl von einer schweren Unterzuckerung.

Bei Menschen mit Diabetes können je nach Stoffwechsellage auch bei anderen Blutzuckerwerten Anzeichen einer Unterzuckerung auftreten: Ist die Person an hohe Blutzuckerwerte gewöhnt, kann er oder sie sich bereits bei Werten von 100 mg/dl unterzuckert fühlen. Auf der anderen Seite nehmen Menschen mit Diabetes mit einer generell sehr niedrigen Blutzuckereinstellung oder auch bei gleichzeitiger Nephropathie unter Umständen selbst bei Blutzuckerwerten von 30 mg/dl keine Symptome wahr.

Besteht ein Diabetes schon längere Zeit, können die Betroffenen die Symptome einer Unterzuckerung eventuell nicht mehr so intensiv wahrnehmen. Bei Manchen treten – unabhängig von der Erkrankungsdauer – Unterzuckerungen auch ohne die typischen Symptome auf. Es kann dann zu plötzlichen Krämpfen und auch zu Bewusstlosigkeit kommen. Besonders häufig sind Menschen mit Diabetes mit einer diabetischen Neuropathie von solchen Unterzuckerungen ohne Vorwarnung betroffen.

Nicht immer ist ein Diabetes der Grund

Kontrolle des Blutdrucks als Teil einer umfassenden Diagnostik durch den Hausarzt

Eine Unterzuckerung kann auch andere Ursachen als einen Diabetes haben, beispielsweise Stoffwechselerkrankungen, Schilddrüsen-Fehlfunktionen, Störungen der Hirnanhangdrüse oder ein Insulin-produzierenden Tumor (Insulinom). Auch bestimmte Medikamente wie Analgetika und Antiarrhythmika können Unterzuckerungen provozieren.

Andererseits können Symptome wie die einer Unterzuckerung auch bei anderen Erkrankungen auftreten, ohne dass eine Unterzuckerung tatsächlich besteht: schwere psychische Erkrankungen können u.a. zu Zittern und innerer Unruhe führen, auch Herzerkrankungen können die Ursache sein. Es ist die Aufgabe eines Arztes, die Ursache der Symptome mit einer umfassenden Diagnostik abzuklären.

Therapie einer leichten Unterzuckerung

Eine leichte Unterzuckerung kann der Patient oder die Patientin selbst behandeln. Treten Symptome auf, helfen in der Regel 1-2 Stück Traubenzucker oder 1 Glas Fruchtsaft (oder noch besser: Fruchtsaftgetränke mit hohem Zuckeranteil).

Die wichtigste Regel für Patientinnen und Patienten, die eine Unterzuckerung bemerken, ist immer: ERST ESSEN, DANN MESSEN!

Anschließend sollte die Ursache der Unterzuckerung ermittelt werden, damit sich diese Situation in Zukunft möglichst vermeiden lässt. Generell sollte ein Mensch mit Diabetes Maßnahmen ergreifen, wenn er oder sie bei sich Blutzuckerwerte von 70 mg/dl oder darunter feststellt.

Eine leichte Unterzuckerung kann sich schnell zu einer schweren Unterzuckerung entwickeln. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können die Betroffenen nicht mehr selbst Gegenmaßnahmen ergreifen – wenn z. B. wenn Verwirrtheit, Krampfanfälle, Bewusstseinstrübungen oder Bewusstlosigkeit auftreten.

Therapie einer schweren Unterzuckerung

Bei einer schweren Unterzuckerung ist der Patient oder die Patientin auf die Hilfe Dritter angewiesen. Ist er oder sie bereits bewusstlos, muss unbedingt die Notärztin oder der Notarzt unter der Notfall-Rufnummer 112 gerufen werden. Dieser verabreicht Zucker (Glukose) intravenös. Damit die Notärztin oder der Notarzt die Situation auch richtig und schnell als schwere Unterzuckerung erkennen kann, ist es entscheidend, dass er oder sie über den Diabetes des Patienten Bescheid weiß. Daher sollten jede Betroffenen, die mit Insulin behandelt werden, jederzeit einen Diabetes-Ausweis, ein entsprechendes Armband oder eine SOS-Kapsel tragen.

Auch Angehörige und Bekannte können im Falle einer schweren Unterzuckerung erste Hilfe leisten. Ist der Patient oder die Patientin noch bei Bewusstsein, sollten sie versuchen, ihm Traubenzucker oder zuckerhaltige Getränke zuzuführen.

Bei bereits bestehender Bewusstlosigkeit können Angehörige ihm eine Glukagon-Spritze verabreichen. Diese wird in Muskelgewebe gespritzt, z. B. in den Oberschenkel oder den Oberarm. Das Glukagon führt zur Freisetzung von Reservezucker aus Leber und Muskeln und hat einen raschen, allerdings nur kurzzeitig anhaltenden Anstieg des Blutzuckers zur Folge. Daher muss die Patientin oder der Patient unbedingt noch zusätzlichen Zucker aufnehmen, wenn er oder sie zu Bewusstsein kommt, um einen erneuten Abfall des Blutzuckerspiegels zu verhindern.

Doch Achtung: Für einen bewusstlosen Menschen mit Diabetes kann es lebensgefährlich werden, wenn Dritte versuchen, ihm zuckerhaltige Getränke einzuflößen! Falls die Flüssigkeit versehentlich in die Luftröhre gelangt, erstickt die Person!

Eine schwere Unterzuckerung ist immer ein Grund, die Notärztin oder den Notarzt unter der Nummer 112 zu rufen – auch dann, wenn Angehörige schon erste Hilfe geleistet haben. In manchen Fällen führt Glucagon nicht mehr zur Erhöhung des Blutzucker-Spiegels, weil keine ausreichenden Glucosespeicher in der Leber mehr vorhanden sind. Dies kann z.B. bei langer Diabetesdauer, nach starker körperlicher Belastung, Alkoholkonsum, längerem Fasten oder bei Lebererkrankungen der Fall sein. Auch im Rahmen einer Behandlung mit Sulfonylharnstoff-Tabletten können schwere Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit auftreten. Nach der Gabe von Glucagon droht eine erneute Bewusstlosigkeit – eine Klinikeinweisung ist unbedingt erforderlich.

Bei einer schweren Unterzuckerung ist nicht nur das Leben des Patientinnen und Patienten in Gefahr – er oder sie kann auch anderen Menschen schwere körperliche Verletzungen zufügen, z. B. durch Unfälle wie Stürze oder während einer Autofahrt. Bemerkt die Person Anzeichen einer Unterzuckerung, sollte er oder sie daher sofort dagegen aktiv werden und möglichen Gefahrensituationen schnell aus dem Weg gehen – also z. B. direkt mit dem Auto auf den Seitenstreifen fahren und anhalten, bis er oder sie die Unterzuckerung im Griff hat.

Prävention

Regelmäßige Messung der Blutzuckerwerte

Die zentrale Maßnahme zur Prävention von Unterzuckerungen ist eine regelmäßige Selbstkontrolle der Blutzuckerwerte. Auf einen Teststreifen wird dazu ein Tropfen Blut aus dem seitlichen Rand der Fingerbeere aufgebracht. Den genauen Umgang mit Blutzuckermessgerät, Messstreifen und dem Diabetes-Tagebuch zum Protokollieren der Werte erlernen Menschen mit Diabetes in speziellen Schulungen. So können Handhabungs- und Ablesefehler vermieden bzw. korrigiert und alles Wissenswerte für die Therapieanpassung erlernt werden. In Selbsthilfegruppen können die Patientinnen und Patienten sich untereinander austauschen und auch von den Erfahrungen Anderer lernen.

Vor allem bei Menschen mit Diabetes unter intensivierter Insulintherapie treten vermehrt schwere Unterzuckerungen auf. Sie müssen daher ihre Blutzuckerwerte besonders engmaschig kontrollieren und ggf. durch Fachkräfte zusätzlich geschult werden.

Grundsätzlich sollten Menschen mit Diabetes immer Traubenzucker bei sich haben und bei einer drohenden Unterzuckerung 1-2 Täfelchen essen. Bekannte und Angehörige sollten über den Umgang mit Glukagon-Spritzen Bescheid wissen und deren Lagerungsort kennen – nur so können sie im Notfall die Erstbehandlung übernehmen, bis die Notärztin oder der Notarzt eintrifft.

Betroffene sollten immer einen Diabetes-Pass oder eine SOS-Kapsel bei sich tragen, so dass die richtige Behandlung im Notfall immer direkt erfolgen kann. Denn nicht immer werden Angehörige oder informierte Bekannte um Sie sein, wenn ein Notfall eintritt.

 

Quellen:
Edridge CL et al. Prevalence and Incidence of Hypoglycaemia in 532,542 People with Type 2 Diabetes on Oral Therapies and Insulin: A Systematic Review and Meta-Analysis of Population Based Studies. PLoS One 2015; 10: e0126427

Kalscheuer H et al. Diabetic emergencies: Hypoglycemia, ketoacidotic and hyperglycemic hyperosmolar nonketotic coma. Der Internist (Berl) 2017; 58(10): 1020-1028

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Klinische Studien