Nerven

Entzündungen fördern möglicherweise die Entstehung einer Neuropathie

Eine Studie aus Deutschland legt nahe, dass Entzündungsprozesse im Körper wesentlich an der Entstehung einer Nervenerkrankung (Neuropathie) beteiligt sein könnten. Forscherinnen und Forscher aus Deutschland entdeckten mehrere Biomarker für entzündliche Prozesse, die das Risiko für eine Nervenschädigung bei Menschen mit und ohne Typ-2-Diabetes deutlich erhöhten.

Das Ziel: Ein erhöhtes Neuropathie-Risiko rechtzeitig erkennen

Die Neuropathie oder Nervenschädigung ist eine häufige Folgeerkrankung des Diabetes mellitus – schätzungsweise jeder 3. Patient ist betroffen. Prof. Dr. Dan Ziegler aus dem Deutschen Diabetes-Zentrum betont, dass die Dunkelziffer der nicht erkannten Nervenschädigungen bei Menschen mit und ohne Diabetes als hoch eingestuft werden muss. Gerade die Anfangsphase der Nervenschädigung verläuft für die Betroffenen nicht selten beschwerdefrei und wird daher oft übersehen. Ziel der Forschung ist es, neben Behandlungsmöglichkeiten auch nach messbaren Biomarkern zu fahnden, die ein erhöhtes Risiko für Nervenschädigungen anzeigen.

Die Entstehung ist bis heute nicht geklärt

Wie und warum Nervenschädigungen bei einer Diabetes-Erkrankung entsteht, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass an der Nervenschädigung verschiedene Faktoren beteiligt sind. Einer davon sind möglicherweise entzündliche Prozesse im Körper. Letztere werden unter anderem auch für das erhöhte Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko bei Typ-2-Diabetes mitverantwortlich gemacht.

Studie aus Deutschland untersuchte Entzündungsmarker

Ein Forschungsteam des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München nahmen 513 Frauen und Männer aus dem Projekt KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) in eine Studie auf. Die Teilnehmenden – darunter auch Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes – waren 62-81 Jahre alt und hatten zu Beobachtungsbeginn keine Anzeichen einer Neuropathie.

Die Teilnehmenden wurden mehr als 6 Jahre lang beobachtet

Aus dem Blutserum der Teilnehmenden bestimmte das Studienteam die Spiegel für zahlreiche Biomarker der Entzündung. In den folgenden durchschnittlich 6,5 Beobachtungsjahren entwickelten 127 Personen eine Neuropathie. Das Forschungsteam verglich die Blutserumspiegel für die Entzündungsmarker zu Studienbeginn zwischen den Menschen, die eine Neuropathie entwickelten, und den restlichen 386 Kontrollpersonen, die am Ende der Studienzeit keine Nervenschädigungen hatten.

Im Ergebnis fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei 26 Biomarkern der Entzündung einen Zusammenhang zum Auftreten der Neuropathie: Im Vergleich zu Studienteilnehmenden ohne Neuropathie waren die Blutserumspiegel dieser Biomarker höher bei Personen, die eine Neuropathie entwickelten.

6 Entzündungsmarker erhöhen das Neuropathie-Risiko 

Das Team um Prof. Dr. Christian Herder und Prof. Dr. Dan Ziegler führte eine weitere statistische Analyse durch, die eine Reihe von Störgrößen berücksichtigte. Danach blieben noch 6 Entzündungsmarker übrig, die sehr deutlich mit einem erhöhten Risiko für Nervenschädigungen verbunden waren:
Darunter 3 sogenannte Chemokine und weitere 3 Transmembranrezeptoren.

Transmembranrezeptoren sind kleine Eiweiße in der äußeren Hülle von Zellen. Sie spielen eine Rolle bei der Weiterleitung von Entzündungssignalen. Bei Chemokinen handelt es sich um kleine „Signaleiweiße“, die Immunzellen anlocken. Auf diese Weise wird ein Entzündungsprozess ausgelöst. Die Entzündung dient als „Abwehrprogramm“ zur Bekämpfung von Krankheitserregern oder anderer schädigender Einflüsse in einer bestimmten Körperregion. In Zellkultur-Studien wurde darüber hinaus gezeigt, dass Chemokine eine schädliche Wirkung auf Nervenzellen haben können.

Das Fazit des Forschungsteams

Die Daten aus der älteren Allgemeinbevölkerung bei Menschen mit und ohne Typ-2-Diabetes liefern wichtige Hinweise, dass Entzündungsprozesse im Körper an der Entstehung einer Nervenschädigung wesentlich beteiligt sein können.

Sollte sich diese Beobachtung in weiteren Untersuchungen bestätigen, würde dies einen wichtigen Fortschritt bedeuten: Zum einen könnte anhand von Entzündungsmarkern das Risiko für Nervenschädigungen besser vorausgesagt werden. Zum anderen würde dies einen neuen Ansatz liefern, um Therapien für die Nervenerkrankungen zu erforschen.

 

Quelle:
Herder C et al.
A Systemic Inflammatory Signature Reflecting Cross Talk Between Innate and Adaptive Immunity Is Associated With Incident Polyneuropathy: KORA F4/FF4 Study. Diabetes 2018; 67: 2434-2442

Tags
Mehr
Klinische Studien