Epidemiologie

Entwicklung des Diabetes in Deutschland dramatischer als bisher erwartet

Derzeit wird in Deutschland der Anteil der Erwachsenen mit bekanntem Typ-2-Diabetes auf 7-8 % geschätzt. Anhand epidemiologischer Daten des nationalen Forschungsverbunds DIAB-CORE und der KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) S4/F4-Studie, an denen das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) beteiligt ist, und einer Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes muss im Jahr 2030 in der Altersklasse der 55-74-Jährigen von 3,9 Millionen Personen mit Typ-2-Diabetes ausgegangen werden. Für das Jahr 2040 wird ein leichter Rückgang auf 3,3 Millionen Betroffenen diagnostiziert. Das ist weit mehr als in bisherigen Prognosen angenommen wird. Würde jede 2. Person mit Prädiabetes dauerhaft an Maßnahmen zur Prävention teilnehmen, ließen sich bis zum Jahr 2030 etwa 400.000 Diabetes-Fälle vermeiden.

Schätzungen des DDZ zufolge werden 2030 3,9 Millionen Personen in der Altersgruppe der 55 bis 74-Jährigen an Typ-2-Diabetes erkrankt sein (Männer: 2,3 Mio., Frauen: 1,6 Mio.).

Mit rund 7,5 Millionen Betroffenen in 2017 fällt Deutschland laut dem aktuellen Diabetes-Atlas der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) unter die Top 10 der Länder mit der höchsten Anzahl an Menschen mit Diabetes. Derzeit wird ein Anstieg der Erwachsenen mit Diabetes in Europa von aktuell 58 Millionen auf 67 Millionen bis zum Jahr 2045 prognostiziert (relativer Anstieg um 16 %). Bei dieser Schätzung wurde allerdings nur die Veränderung der Demographie, also der Entwicklung der Bevölkerungsstrukturen, und die Urbanisierung der Bevölkerung mit einbezogen. Eine Untersuchung des DDZ berücksichtigt zusätzlich die Neuerkrankungsraten und Sterblichkeitsdaten für Personen mit Typ-2-Diabetes. Diese basieren auf der
KORA S4/F4-Studie. Des Weiteren wurde die Prävalenz des Typ-2-Diabetes auf Basis von großen bevölkerungsbezogenen Studien verschiedener Regionen Deutschlands, dem DIAB-CORE geschätzt.

Zusammen mit der offiziellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wurde die zu erwartende Anzahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes im Alter von 55-74 Jahren für die kommenden Jahre geschätzt. Die Analyse ergab, dass für das Jahr 2030 eine weit höhere Anzahl an Erwachsenen mit Diabetes zu erwarten ist als bisher von der IDF prognostiziert wurde. In der Altersgruppe der 55-74-Jährigen ergab die Analyse einen Anstieg auf insgesamt 3,9 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes bis zum Jahr 2030, gefolgt von einem leichten Rückgang bis zum Jahr 2040. Im Vergleich zum Jahr 2010 wird für das Jahr 2030 von einem Zuwachs von fast 1 Millionen Männern und 500.000 Frauen ausgegangen.

Diabetes-Präventionsmaßnahmen gezielt einsetzen

Die Analyse des DDZ umfasst auch eine Modellierung der vermeidbaren Diabetes-Fälle. Hierbei wurde die Teilnahme von Personen mit Prädiabetes (grenzwertig erhöhte Blutzuckerwerte (Glukosewerte), jedoch noch kein manifester Diabetes) an intensiven Vorbeugungsmaßnahmen (Präventionsmaßnahmen) in die Berechnung einbezogen. Würden 50 % der Personen mit einem Prädiabetes erfolgreich und dauerhaft an Maßnahmen zur besseren Ernährung und Gewichtsreduktion teilnehmen (wie im Finnischen Diabetes-Präventionsprogramm) ließe sich der starke Anstieg gegebenenfalls bremsen. Von den prognostizierten Zuwächsen könnten etwa 400.000 Diabetes-Fälle vermieden werden. Bei einer Beteiligung von 90 % derer mit Prädiabetes, könnten bis zum Jahr 2030 1 Millionen Diabetes-Fälle verhindert werden.

Fazit

Der vom DDZ vorhergesagte Trend zum Anstieg der Anzahl an Menschen mit Typ-2-Diabetes in den nächsten Jahrzehnten zeigt die Dringlichkeit auf, effektive Programme zur Prävention für Menschen mit Prädiabetes zu organisieren. Des Weiteren kann die Teilnahmebereitschaft für Präventionsprogramme in der Bevölkerung als ein zentraler Faktor für den Erfolg solcher Maßnahmen angesehen werden. Dies sollte bei der Planung von Präventionsprogrammen berücksichtigt werden.

 

Quelle:
Brinks R et al. Prevalence of type 2 diabetes in Germany in 2040: estimates from an epidemiological model. Eur J Epidemiol 2012; 27: 791-797

Lindström J et al. Sustained reduction in the incidence of type 2 diabetes by lifestyle intervention: follow-up of the Finnish Diabetes Prevention Study. Lancet 2006; 368:1673-1679

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Klinische Studien