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Biomarker der Entzündung als neue Risikofaktoren der Polyneuropathie

Die Polyneuropathie gehört zu den häufigsten Komplikationen sowohl des Typ-1-Diabetes als auch des Typ-2-Diabetes. Je nach Diabetesdauer liegt bei bis zu 20-30% der Diabetespatienten eine Polyneuropathie vor, die allerdings häufig undiagnostiziert ist. Als Risikofaktoren sind unzureichende Diabeteseinstellung, höheres Lebensalter, längere Diabetesdauer sowie Übergewicht und damit assoziierten Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck bekannt. Allerdings bleibt unser Verständnis der Ursachen der Polyneuropathie lückenhaft, da diese Faktoren nur mit moderater Präzision das individuelle Risiko von Diabetespatienten, eine Polyneuropathie zu entwickeln, vorhersagen können. Basierend auf den oben genannten Risikofaktoren sind die Lebensstiländerung mit den Schwerpunkten Ernährung und körperlicher Aktivität, Optimierung der Diabeteseinstellung bzw. im späteren Krankheitsverlauf eine Schmerztherapie die Eckpunkte der Prävention bzw. Therapie.

Daten aus verschiedenen Beobachtungsstudien bei Personen mit Typ-2-Diabetes und auch in der älteren Allgemeinbevölkerung deuten darauf hin, dass Entzündungsprozesse eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Polyneuropathie spielen könnten. Diese Querschnittstudien erfassten allerdings Entzündung und Polyneuropathie zum selben Zeitpunkt, wohingegen prospektive Kohortenstudien notwendig sind, um die zeitliche Abfolge von Immunaktivierung und Entstehung der Polyneuropathie zu ermitteln. In einer kürzlich publizierten Studie konnten Wissenschaftler aus dem Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf in Kooperation mit Kolleginnen aus dem Helmholtz Zentrum München erstmals zeigen, dass erhöhte Serumkonzentrationen von Entzündungsproteinen bereits vor dem Auftreten der Polyneuropathie messbar sind. Im Rahmen der KORA-Studie (KORA: Kooperative Gesundheitsforschung im Raum Augsburg) wurden 530 Personen im Alter von 62 bis 81 Jahren eingeschlossen, die zu Studienbeginn keine Polyneuropathie aufwiesen. Innerhalb eines Nachbeoabchtungszeitraumes von 6,5 Jahren entwickelten 133 der Teilnehmer eine Polyneuropathie. Bei diesen Personen lagen 2 von 8 im Blut gemessenen Biomarkern der Entzündung bei Studienbeginn, d.h. vor der Entsehung der Polyneuropathie, in erhöhten Konzentrationen vor, selbst wenn die statistische Analyse eine Reihe von Störgrößen berücksichtigte. Diese Proteine waren die Zytokine (Botenstoffe des Immunsystems) Interleukin-6 (IL-6) und Tumornekrosefaktor-α (TNFα), die beide entzündungsfördernd wirken und bereits als Riskofaktoren für andere diabetische Komplikationen wie kardiovaskuläre Erkrankungen identifiziert werden konnten. Interessanterweise konnten Daten zu beiden Zytokinen ein klinisch-metabolisches Prädiktionsmodell der Polyneuropathie verbessern, das die o.g. sowie weitere potenzielle Risikofaktoren enthielt.

Insgesamt sind diese Befunde aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen zeigen sie, dass eine Immunaktivierung der Polyneuropathie vorangeht und als möglicher ursächlicher Mechanismus genauer untersucht werden muss. Die zitierte Studie umfasste nur acht Biomarker, die überwiegend eine Aktivierung des angeborenen Immunsystems anzeigen, während viele andere Komponenten des Immunsystems in diesem Kontext noch nicht untersucht sind. Eine detaillierte Immunphänotypisierung ist daher von höchstem Interesse. Zum anderen unterstützt diese Studie die Ansicht, dass Ansätze, die das Immunsystem selektiv modulieren können, auch im Rahmen der Prävention und Therapie der Polyneuropathie eingesetzt werden könnten. Bis es soweit ist, müssen aber weitere Beobachtungsstudien am Menschen die genauen Pathomechanismen besser aufschlüsseln, so dass geeignete Angriffspunkte für eine spezifische und nebenwirkungsarme Therapie identifiziert werden können.

 

Quellen:
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Klinische Studien